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Gedanken zu den Stichworten Arbeit und Arbeitslosigkeit

Hier erst mal einige Thesen:

  • (Bezahlte) Arbeit wird (zumindest in Westeuropa) langfristig immer knapper werden. Dieser Trend wird sich nicht wirklich ändern, egal wie die Wirtschaft sich entwickelt. Gründe sind

    • Immer stärkere Automatisierung aller Tätigkeiten (Industrie)
    • Immer stärkere Nutzung von Selbstbedienung (Tankstellen, Bankomaten, Kontoauszugsdrucker, Internetbanking, Einkauf über Webseiten)
    • Verlagerung von arbeitsintensiven Produktionen in Billiglohnländer
  • Das heißt, die Politikerversprechen auf mehr Arbeitsplätze können nicht wirklich eingelöst werden. Auch ein Wirtschaftsaufschwung würde das nicht leisten können. Die Idee des Roboters wurde entwickelt, um Menschen von der Fron der Arbeit zu befreien. Jetzt beginnen wir langsam die Früchte dieser Entwicklung zu sehen, und jetzt wissen wir als Gesellschaft nicht, wie wir mit der wenigen verbliebenen Arbeit umgehen
  • Andererseits ernährt die Gesellschaft in Westeuropa (bis auf wenige Ausnahmen) alle ihre Mitglieder auf irgendwelche Weisen (Arbeitslosengeld, Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe, notfalls Betteln, etc.). D.h. nur wenige Menschen verhungern bei uns
  • Die Rentenzahlungen sind zum Teil extrem ungerecht, speziell für Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen zum Teil extrem niedrige Renten bekommen, zum Teil liegt der Rentenanspruch unter dem Existenzminimum und muss durch Sozialhilfe aufgebessert werden
  • Die meisten Menschen brauchen die Bestätigung durch (sinnvolle) Arbeit (meist in der Form von bezahlter Arbeit) für ihre psychische Gesundheit, zur Schaffung von Lebenssinn und Lebenszweck. Es gibt aber auch Menschen, die diese Bestätigung nicht brauchen, da sie Lebenssinn und Lebenszweck aus anderer Quelle beziehen. Diese Menschen könnten den Arbeitsmarkt entlasten, indem ihnen ermöglicht wird, auch ohne Arbeit ein bescheidenes Auskommen zu finden. Das ist zwar faktisch heute bereits zum Teil so, aber diese Menschen müssen pro-forma regelmäßig zum Arbeitsamt kommen und dort so tun, als ob sie Arbeit suchen würden
  • Das Nicht-Arbeiten ist heute immer noch weitgehend stigmatisiert ("wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!", "wieso bekommt der Geld vom Staat, der hat ja noch gar nichts geleistet!")
  • Unsere Gesellschaft bietet aber nicht allen Mitbürgern die Möglichkeit, zu arbeiten. Wie soll ein junger Mensch etwas leisten, wenn für seine Qualifikation kein Arbeitsplatz zur Verfügung steht?
  • Es gäbe beliebig viel zu tun, aber für diese Tätigkeiten gibt es kein Geld (karitative Arbeiten, Betreuung von Kindern, alten Leuten, Umwelt-Aufräumarbeiten). Unentgeltliche Tätigkeiten gelten aber in unserer Gesellschaft kaum mehr als Nicht-Arbeit. Selbstwert wird daraus gezogen, dass ich für eine Arbeit auch entlohnt werde und zwar möglichst hoch

Der Lösungsvorschlag, der vor vielen Jahren auf Anregung der Grünen diskutiert wurde, war eine Grundrente, die jedem Bürger zusteht, egal ob er oder sie jemals etwas gearbeitet hat und ob er oder sie willens ist, zu arbeiten. Dies ist nur durchzusetzen, wenn sich gleichzeitig das Verhältnis der Gesellschaft zu Arbeit und Nicht-Arbeit grundlegend ändert. Durch diesen Anspruch und die Verändung im Bewusstsein würde sich die Stigmatisierung der Nicht-Arbeit und der nicht-bezahlten Arbeit grundlegend verändern.

Wenn die Gesellschaft sich dazu durchringt, jedem eine Grundversorgung zur Verfügung zu stellen, so würde ich erwarten, dass der Wert von unentgeltlicher Arbeit, z.B. Kinderbetreung im privat organisierten Rahmen, steigt und zu einer wirklichen Alternative zur bezahlten Arbeit als Grundlage von Lebenssinn und Lebenszweck wird.

Natürlich wären jede Menge Detailfragen zu klären, z.B. ab wann bekommt ein Jugendlicher den Anspruch auf die Rente, bekommt er sie auch dann, wenn er noch bei den Eltern wohnt, was passiert, wenn jemand etwas dazu verdient (wenn der volle Betrag dann von der Grundrente abgezogen würde, so wäre das ja nicht ermutigend dahingehend, junge Leute zu ermutigen, doch bezahlte Tätigkeiten aufzunehmen).

Was ist mit dem Argument, dass dann ja niemand mehr arbeiten würde? Ich glaube, das Problem wird sich nicht stellen. Von der Grundrente könnten viele Bequemlichkeiten des Alltags, z.B. ein Auto, sicher nicht finanziert werden. D.h. es gäbe noch genügend Anreiz, einen gut bezahlten Job zu haben.

Woher käme das Geld für die Grundrente? Wenn die Grundrente in der Größenordnung der Sozialhilfe liegt, so würde sich für viele Bezieher nur eine Verschiebung ergeben. Neu wäre vor allem der automatische Anspruch ohne dass beim Sozialamt gebettelt werden muss und die Einstellung der Gesellschaft zu (bezahlter) Arbeit.

Fazit: Wir brauchen Faule, damit diejenigen, die die Arbeit für ihren Lebenssinn und Lebenszweck brauchen, Arbeit finden.

 

Gedanken zu den Anforderungen der Personalchefs

Der Standard, Wien, berichtet am 29.12.2006 zum Thema "Immer mehr Arbeitslose gründen eigene Unternehmen"

    Im Vorjahr haben rund 4000 Jobsuchende den Weg ins "Einzelkämpfertum" gewagt. Insgesamt wurden in der Vergangenheit mehr als 26.000 Arbeitslose mit einem seit acht Jahren bestehenden AMS-Gründerprogramm selbstständig, darunter überproportional viele Arbeitslose über 45 Jahre, deren Vermittlung oft als chancenlos gilt. ... Der Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) verzeichnet man derzeit außerdem einen überdurchschnittlich großen Anstieg der Gründungen durch Ältere, die auch als Best- und oft Überqualifizierte bei der Jobsuche überproportional chancenlos sind.

Aberdeen Group, Employee Performance Management

Irgendwie ist das schon eigenartig, wenn ich dann gleichzeitig in einer Studie der Aberdeen Group "The Employee Performance Management Benchmark Report" lese, dass die größten Sorgen der Personalchefs (und die "drivers" für die Einführung solcher EPM-Systeme [Employee Performance Management]) sind:

  • die Verbesserung der Möglichkeiten, hoch-qualifizierte Mitarbeiter für das Unternehmen zu gewinnen

  • die Zufriedenheit und Treue der Kunden zu verbessern

  • nicht in der Lage zu sein, Mitarbeiter für Management-Positionen zu finden

  • für die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit die Leistung pro Mitarbeiter zu steigern

  • den Verlust qualifizierter Mitarbeiter zu verhindern

Wie kann das sein, dass die Personalchefs keine hoch-qualifizierten Mitarbeiter finden, und die Hoch-qualilfizierten keinen Job?

    Ebenfalls im Standard, 30.12.: "Im alten Jahr sind die großen Themen und die Paradoxien noch deutlicher geworden: Unternehmen finden nicht die Kompetenzen, die sie brauchen, weil sie oft jahrelang nur restrukturiert haben und neben Abbau der Aufbau beim Personal vergessen wurde. Tausende Facharbeiterstellen sind nicht zu besetzen. Das Problem ist ein europaweites. Gleichzeitig stehen Tausende auf der Straße, weil die Qualifizierung nicht mehr stimmt oder weil zwar eine "Mischung aus jungen Wilden und alten Hasen" als notwendig gilt, ab 45+ aber dann doch noch eher das Arbeitsmarktservice zuständig gemacht wurde."

Ich habe das Gefühl, dass die Anforderungen der Personalchefs immer höher werden. Sie suchen den "Wunder-Wuzzi", der alles kann und viel viel Erfahrung hat, aber er darf nicht mehr kosten, als jemand frisch nach der Ausbildung. Dass er nicht viel kosten darf liegt daran, dass viele Kunden nur noch nach dem billigsten Produkt auswählen, die "Geiz ist geil"-Mentalität. (Ich weiß natürlich selbst, dass bei sinkenden Realeinkommen der Wunsch nach einem billigen Schnäppchen sehr verständlich ist, auch ich suche viele Artikel auf geizhals.at. Und damit haben wir das Ergebnis, dass der Personalchef mehr Leistung zu einem geringeren Preis einkaufen will, aber nicht kann).

Den Aspekt "Geiz ist geil" greift auch Christian Leeb im Artikel ganzheitliches Wirtschaften auf.

 

Hier ein Buch zum Thema, das recht interessant zu sein scheint (und das ich selbst leider noch nicht gelesen habe). Wolfgang Engler, Bürger, ohne Arbeit.

 

Philipp Schaumann, http://philipps-welt.info/

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